
VORBEMERKUNGEN
Die Behandlung von Patienten mit dem Verdacht auf craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) gliedert sich prinzipiell in drei Phasen:
- Physio– und verhaltenstherapeutische Maßnahmen
- Therapie mit einer speziellen Funktionsschiene
- Korrektur der Okklusion (nach Bumann, A., Lotzmann U: Funktionsdiagnostik und Therapieprinzipien, Thieme, Stuttgart 2000, Freesmeyer 1984 und 2008)
Entscheidend für die Indikation der Funktionsschiene ist :
- Anamnese und klinische Funktionsanalyse
- Instrumentelle Okklusionsanalyse
- Dreidimensionale Vermessung der Kiefergelenkbewegungen = instrumentelle Kiefergelenkfunktionsanalyse
Oft wird die symptomatische Therapie der Schienenbehandlung mit der kausalen Therapie verwechselt: der Patient ist mit der eingetretenen Beschwerdefreiheit zufrieden, denkt aber nicht daran, dass die Funktionsschiene nur temporär getragen werden darf. Die Patienten gewöhnen sich an die Schiene – wie ein kleines Kind an den Schnuller – und können „ohne Schiene nicht mehr leben.“ Über lange Zeit vorbehaltlos und nicht nachkontrolliert getragene Funktionsschienen können zu Extrusionen oder Intrusionen von Zähnen, partiell offenem Biss und erhöhtem Kariesbefall führen. Die Okklusionsstörung verschlimmert sich, der Mechanismus der Dysfunktion verkompliziert sich, und es wird schwieriger, eine dauerhafte und reproduzierbare Beschwerdefreiheit zu erzielen. Die Schiene ist also nichts weiter als ein Zwischenschritt, und nicht die Endphase der Therapie. Sie hilft, eine Verdachtsdiagnose „CMD“ zu verifizieren oder zu widerlegen (sog. „Diagnosis ex juvantibus“) und bewirkt (in Zusammenarbeit mit Manualtherapeuten) eine Entspannung der Kaumuskulatur und Entlastung der Kiefergelenke sowie eventuell eine Neupositionierung der Fehlpositionierten Gelenke.
Nach der Schienentherapie wird die Notwendigkeit der Umsetzung der neuen Bisssituation geprüft (nach ca. 3–6 Monaten). Hier stehen abtragende Maßnahmen (z. B. durch Einschleifen) oder aufbauende Maßnahmen (z.B. durch neue prothetische Versorgungen) zur Verfügung. Bei Neuversorgungen werden die Kronen, Brücken oder Prothesen für einen längeren Zeitraum nur provisorisch eingesetzt, um die Richtigkeit der gefundenen Bisslage besser prüfen oder aber auch ggf. korrigieren zu können. Eine Funktionstherapie kann zwischen 3 Monaten und einem Jahr oder noch länger dauern. Dabei ist die individuelle Adaptationsfähigkeit und Adaptationszeit entscheidend ebenso wie auch Mitarbeit des Patienten. Aufgrund der Komplexität des Behandlungsbildes kann ein Heilversprechen nicht erfolgen.
Die Äquilibrierungsschiene
Erklärtes Ziel der Schienentherapie ist es, die Kaumuskulatur zu entspannen sowie die Kiefergelenke wieder in eine funktionierende Normalposition zu bringen.
Die Äquilibrierungsschiene (Michiganschiene oder Zentrikschiene) wird angewendet, wenn
- Stellungs- und Belastungsveränderungen im Kiefergelenk vorliegen
- bei Muskelschmerzen in der Kaumuskulatur
- bei Kiefergelenkschmerzen
- bei Bruxismus (Zähneknirschen)
Ziel der Behandlung mit einer Äquilibrierungsschiene ist die bestehende Okklusion (der Verschluss) der Zahnreihen aufzuheben und einen optimalen Kontakt zwischen den Zähnen herzustellen. Hierbei wird durch die Äquilibrierungsschiene der Zusammenbiss als Auslöser für die craniomandibuläre Dysfunktion ausgeschaltet. Durch die Neueinstellung der Kieferposition wird zunächst eine optimale, zentrische Kiefergelenkposition erreicht, woduch eine reflektorische Muskelrelaxierung der Kaumuskulatur eintreten kann. Die Äquilibrierungsschiene kann als Langzeitschiene für 3–6 Monate eingesetzt werden, um die craniomandibuläre Dysfunktion zu mildern. In den meisten Fällen wird die Äquilibrierungsschiene für den Unterkiefer angefertigt. In den ersten 6 Wochen muss die Schiene mindestens zwei Mal pro Woche nachjustiert werden, um störende Kontakte zu besetigen. Dies ist eine besonders wichtige Massnahme, da ansonsten sich der Erfolg nicht einstellen kann.
Die Äquilibrierungsschiene wird individuell für jeden Patienten gefertigt. Sie besteht aus hartem durchsichtigen Kunststoff und überdeckt in der Regel alle Zähne des Kiefers. Spezielle Halteelemente sind bei dieser Schienenform nicht nötig. Sie findet vor allem Anwendung, wenn die muskulären Schmerzen durch die Fehlstellung sich über das Gesicht ausbreiten. Die Michiganschiene wird seit mehr als 30 Jahren in der Zahnmedizin angewendet.

